Vom Spirit, einem kulturellen Erbe und der modernen Welt

Im zentralen Hochland Vietnams finden sich die Dörfer der Bahnar.

Im Dickicht des Waldes scheint die Siedlung Kon Brăp Dzu gut behütet. Dabei kann sich der Wald schon längst nicht mehr schützen vor dem Zugriff der modernen Welt. Schließlich steht viel auf dem Spiel. Das kulturelle Erbe dieses Dorfes scheint in Gefahr, geht es doch um den Geist der Vorfahren, der in einem unberührten Stück Wald weiterleben soll.

Mit einem Schwung geht es auf das Moped, mit nur einer längeren Fahrt raus aus Kon Tum geht es ins Unbekannte. Das zweirädige Fortbewegungsmittel ist nur passend, ja für Vietnam nur typisch, die nächste Polizeistation im Nirgends als unser Ziel ist es weniger. Bevor es zu der Minderheit Bahnar jo’ long, dem Volk der Berge, gehen kann, müssen Permits eingeholt werden. Wir legen unser vollstes Vertrauen und unsere Pässe obendrein in die Hände eines Mannes namens Anh. Er ist unser ständiger Begleiter auf dieser Reise, er spricht die Sprache der Bahnar und die Sprache westlicher Reisender zugleich – ist Botschafter und Geschichtenerzähler.

Im zentralen Hochland Vietnams, nahe der Grenze zu Laos, gestaltet sich noch so einiges komplizierter als in den beliebten Dörfern hoch im Norden des Landes. Tourismus, so wie wir ihn uns vorstellen, gibt es maximal noch in der unmittelbaren Umgebung von Kon Tum, in der Abgeschiedenheit der Dörfer in den Bergen, etliche Kilometer von Kon Tum entfernt, ist nichts touristisch erschlossen. Dass wir hier zuerst bei der Polizei antanzen müssen, damit geprüft werden kann, welche Absichten wir mit dieser Reise verfolgen, scheint vielleicht übertrieben und lässt sich schließlich doch schnell erklären. Weit weg von Tunnelsystemen der nordvietnamesischen Kämpfer und dem Kriegsopfermuseum von Saigon holt uns auch im nunmehr friedlichen Hochland die Geschichte des Vietnamkrieges ein. 

Das Verhältnis zwischen dem vietnamesischen Staat und den Minderheiten im zentralen Hochland könnte besser sein. Viele Angehörige der Minderheiten kämpften während des Krieges auf der Seite der Südvietnamesen und Südvietnamesinnen, was sich vor allem darauf zurückführen lässt, dass die Minderheiten von den Nordvietnamesen und Nordvietnamesinnen nicht immer gut behandelt worden sind. Diesbezüglich hat auch Ho Chi Minh Fehler eingeräumt und sich entschuldigt. Der Konflikt ließ die abgeschiedenen Dörfer der Minderheiten nicht unbehelligt. Auch die Siedlungen an sich waren nur zu oft gespalten. So kam es zu Situationen, wo der eine Bruder für die südvietnamesische Seite und der andere Bruder für die nordvietnamesische kämpfte. Die Tragödie war vorprogrammiert. Und bis heute nimmt es der Staat nicht nur aber auch deswegen sehr genau mit den „special permits“. Der für uns nicht ganz nachvollziehbare Verdacht, dass Reisende die Dörfer möglicherweise gegen den Staat aufbringen könnten, hält sich hartnäckig, meint Anh. Und wie dem auch sei, zumindest ist es eine Möglichkeit Kontrolle auszuüben. Welchen Anteil des Bürokratieaufwandes der Schutz der Minderheiten haben könnte, bleibt unklar, zumindest Anh spricht mit keinem Wort davon.

In der Polizeistation, die mehr einem großen privaten Haus gleicht, welches vom einzigen Polizeibeamten der Gegend bewohnt wird, begegnen wir den Kopien unserer Pässe wieder. Anh legt ein paar gute Worte für uns ein und nach dem Austausch von ein paar floskelhaften Freundlichkeiten geht es mit dem Permit in der Tasche weiter zum eigentlichen Ziel, einem Dorf in den Bergen, von dem wir bis heute nicht genau wissen, wo es liegt. 

Schon wenige Minuten nach unserem Aufbruch in Kon Tum ging es am Stadtrand vorbei an einem der vielen Dörfer der hier lebenden Minderheiten. Nicht zu übersehen war das große Rong-Haus, welches uns auch noch im Dorf der Bahnar erwarten soll. Alle wichtigen Entscheidungen werden hier getroffen. Die beeindruckenden Stelzbauten dienen als eine Art Gemeindezentrum, verrät uns Anh. Und doch, hier am Stadtrand wirkt es, umringt von all den modernen Betonhäusern, wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Unser Eindruck täuscht nicht. Prompt erzählt mir Anh, wie sich im Laufe der Zeit die Bräuche und Lebensweise der Minderheiten rund um Kon Tum geändert haben. Immer mehr verlieren das Interesse an der traditionellen Bauweise von Hütten und Häusern. Doch eines, betont Anh mit einem Augenzwinkern, würden die Angehörigen der Minderheiten nie verlieren und das sei das breite Lächeln auf ihren Gesichtern. So viel Verklärung muss sein. Und es scheint sich tatsächlich zu bestätigen. Dieses Strahlen in den Gesichtern der Menschen, diese Herzlichkeit und Offenheit begegnet uns während unserer Reise durch Vietnam nirgends in der Form, wie das bei den Minderheiten des zentralen Hochlands der Fall ist. 

Wir zweigen ab. Die breite Straße wird abgelöst von einer Schotterpiste und einer Hängebrücke, die für eine Fahrt mit dem Moped wohl nicht viel spektakulärer hätte sein können. Mit lautem Geratter geht es über den Fluss direkt in das untere Dorfzentrum von Kon Brăp Dzu. Der Empfang fällt herzlich aus. Sogleich nehmen wir Platz zwischen einer versammelten Bande von Kindern und unterhalten uns mit unseren ersten bescheidenen Sprachkenntnissen und mithilfe von Anh mit der Bürgermeisterin und mit Choĕt und Ron, einem alten Paar, das hoch in den Bergen eine Hütte bewohnt.

Bei unseren eifrigen Versuchen Vokabeln aufzuschnappen, stellen wir in der Unterhaltung mit Anh sogleich fest, dass nicht jede Kategorisierung und Bezeichnung in der Sprache Bahnar eine Entsprechung haben muss. So gibt es auch kein Wort, welches der Bedeutung von „Paar“ oder „Beziehung“ gleich käme. Nur das Feuer in den Herzen der zwei Menschen ist wichtig. Wenn es brennt, dann symbolisiert es die Liebe zueinander, dann spricht man von „unh to’ nuh“. Wenn man Ron und Choĕt gegenüber steht, dann geht es nicht darum, ob sie sich selber den Beziehungsstatus verliehen haben oder nicht. Es geht schlicht darum, ob man immer noch das Feuer in ihren Herzen erkennt. Und wieder einmal verrät die Sprache mehr über unsere Denkstrukturen, als viele glauben mögen und wieder stellt sich unweigerlich die Frage, was nun wirklich von Bedeutung ist? Choĕt ist eine alte Frau, was man ihr ansieht, ist das Leben. Ihr Alter kennt Choĕt nicht – wozu auch? Alles an ihr erzählt die Geschichte einer „yah brun“, einer starken Frau. Und eine ebenso starke Frau war auch Brăp, welche die Entscheidung traf, diese Siedlung der Bahnar zu errichten. Der Name des Dorfes war Kon Brăp Dzu und ist eine Kombination aus Brăp, dem Namen der Frau, und dem Namen des Flusses, den wir noch zuvor überquert haben. Dass wir hier im Dorf auf eine Bürgermeisterin treffen, ist alles andere als Zufall. Die Bahnar sind matriarchalisch organisiert und nach wie vor treffen hier die Frauen die wichtigen Entscheidungen für das Dorf. Für Verwirrung sorgt das vor allem dann, wenn seitens des vietnamesischen Staates ein offizieller Besuch abgestattet wird. Dann fällt es vielen schwer wahrzuhaben, dass sie sich hier an die Bürgermeisterin wenden müssten, anstatt dem erst besten älteren Mann die Ehre zu erweisen.

Die in den unteren Ebenen der Siedlung verstreuten Hütten sind erst der Anfang. Das Dorf erstreckt sich von dem Flussufer hinweg über die Reisfelder und Wälder der umliegenden Berghänge. Und unser Weg führt uns in eben diese abgelegenen Teile der Siedlung hoch in den Bergen. Dort werden wir unser Nachtlager in einer Hütte beziehen, welche ein altes Pärchen freundlicherweise mit uns teilt. Mit uns und den Ratten, die sich nachts dazu gesellen und von denen sich ihre letzten Tropfen Blut auf unserer Kleidung verewigen, als bereits in der zweiten Nacht die Fallen unmittelbar neben uns zuschnappen.

Das Leben der Bahnar war und ist so eng mit dem Wald verbunden, dass sie selber davon sprechen, dass sie ihn „essen“ würden. Alles wird verwertet, alles wird gejagt und schlussendlich wird auch alles abgeholzt und als Anbaufläche genützt. Die gerodeten Abschnitte werden nach fünf Jahren wieder verlassen. Was heißt, dass die Hütten abgebaut werden und die Bahnar weiterziehen. Während uns das umliegende Land gezeigt wird, kommen wir an diesen bereits verlassenen Stellen vorbei. Unser Weg führt uns aber viel weiter in den dichten Wald, der das pure Leben verkörpert, auch wenn wir nur selten einen der paradiesischen Vögel zu Gesicht bekommen, sind sie überall und nicht zu überhören. Unberührt erscheinen uns die Bäume und Gewächse und schließlich gelangen wir zu einem alten Dorf der Vorfahren der Bahnar.

Im Dickicht des Waldes liegen versteckt und verstreut antike Krüge der Vorfahren. Um die 200 Jahre alt sollen diese Schätze sein. Ohne Zweifel stellen sie eindrucksvoll das weder dokumentierte, noch erforschte und schon gar nicht bekannte kulturelle Erbe der Bahnar dieser Region unter Beweis. Es ist ein heiliger Ort. Wegen dem göttlichen Geist, der diesem Platz innewohnt, nimmt auch niemand der Bahnar die Krüge mit. Alles soll unangetastet bleiben an dem Ort, wo der „Spirit“ der Vorfahren zuhause ist und so wird auch der Wald hier verschont. Und prompt scheint sich dieser zurückzunehmen, was ursprünglich auch ihm gehörte. Wurzeln und Geäst ranken sich um die Reste der alten Siedlung, wovon heute nur noch die mit Moos bedeckten Krüge zeugen.

Alles wäre schön und gut, hätte die moderne Welt nicht auch diese Berge schon erreicht. Die wunderbare Geschichte hat eine traurige Kehrseite. Jedes Jahr finden illegale Holzfäller, die ihr Geld mit dem Verkauf von Tropenholz verdienen, den Weg hierher. Auch sie entdecken diese antiken Krüge, entwenden und verkaufen sie teuer in Saigon. Die Holzfäller, die meist keine anderen beruflichen Aussichten haben und oft zuvor im Gefängnis gesessen sind, verdienen sich hier eine goldene Nase, sofern sie nicht bei der Arbeit ums Leben kommen. Denn der Job ist nicht nur illegal, er ist auch gefährlich. Erst letztes Jahr wurden zwei Arbeiter von dem Holz erschlagen, das sie ernähren sollte. Der Abtransport der riesigen Stämme ist waghalsig. Die Wege, die wir uns zu Fuß durch den Wald hinab bahnen, versuchen die Holzschläger mit dem Motorrad zurückzulegen. Immer wieder passieren Unfälle, worauf eine Welle an Kündigungen folgt. Natürlich arbeitet hier niemand selbstständig, sie werden engagiert und gut bezahlt dafür, dass sie die Drecksarbeit erledigen – das Risiko dabei das Leben zu lassen inbegriffen. Und die Krüge? Es kann sein, dass die Exemplare, die wir noch zu Gesicht bekommen, schon die nächsten Jahre nicht mehr an ihrem Platz sein werden. Die Bewohner und Bewohnerinnen des Dorfes stecken in einem Dilemma. Ihre Ehrfurcht vor dem Ort verhindert, dass sie die Krüge wegschaffen und zu sich nehmen.  Niemand will den Spirit des Ortes zerstören. Der Staat weiß um die Misere, weiß um die Gefahr für dieses kulturelle Erbe der Bahnar, scheint sich allerdings nicht darüber im Klaren, welche Schritte nun tatsächlich gesetzt werden müssten. Es wird abgewartet, nichts unternommen, bis Gras darüber wächst. Gras und noch vieles mehr wächst bestimmt über die Krüge, dafür trägt der Wald Sorge. Aber wenn sich der Wald selbst schon nicht schützen kann, wird er bei den antiken Krügen erst recht scheitern.

An den Abenden wird gemeinsam gegessen,  gelacht und vor allem erzählt. Noch eine ganze Weile zerbrechen wir uns den Kopf über die Krüge, die uns so bedeutungsvoll erscheinen. Erst nach einer Zeit begreifen wir, dass der Geist der Vorfahren auf ganz andere Weise lebendig bleibt. Als wir bei Kerzenschein die Ratten von voriger Nacht verspeisen und uns über Reiswein freuen, erzählt unser Gastgeber von seiner Jugend. Alle Kinder der benachbarten Hütten haben sich diesen Abend hier zusammen gefunden und hören gespannt zu, als der Alte von seinen Begegnungen im Wald berichtet, zu einer Zeit, in der er selbst noch ein Junge war. Die Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, verdient sich der geübte Erzähler redlich. Lebhaft wird geschildert, wie er sich mit seinen Kameraden in den Wald aufmachte, als plötzlich der Geist des Waldes Besitz von ihm, dem kleinen Jungen, ergriff.  Es ist mucksmäuschenstill. Jede/r vernimmt das  leise Röcheln des Erzählers, mit dem er verdeutlicht, wie sehr er versuchte auch nur einen Laut von sich zu geben. Angst, die ihn damals erfüllte, wird gegenwärtig. Völlig machtlos stand der kleine Junge dem Geist des Waldes gegenüber, kein Hilferuf erreichte seine Kameraden. Und doch – als plötzlich der Geist wieder aus seinem Körper fuhr, stieß der Junge einen unglaublichen Schrei aus. Die Kinder schüttelt es vor Schreck. Der Schrei trifft sie heute genauso unvorbereitet wie damals die Kameraden im Wald.

Es folgt Geschichte auf Geschichte. Wir erfahren vom letzten Tiger in diesen Bergen, der sich vor einigen Jahrzehnten, irritiert durch einen spitzen Pfahl in seinem Auge, einen Wasserfall hinabstürzte. Und so hören wir auch von dem Leben der Vorfahren, von ihrer spirituellen Verbundenheit zur Natur, von Werten und Normen, Erfolgen und Misserfolgen. In einer Welt, in der sich ohne Zweifel auch das Leben dieser Bahnar in den Bergen zu ändern beginnt, erscheinen die lebhaft erzählten Geschichten und die glänzenden Kinderaugen wie ein Anker. Ein Garant dafür, dass sich alles ändern kann und sicherlich auch ändern wird und doch nichts verloren geht, was wirklich von Bedeutung ist, solange nur weiter erzählt wird, solange den Erzählungen nur weiter gelauscht wird.