Arunachal Pradesh – Indiens unbekannter Nordosten

Apatani in Ziro, Arunachal, Indien
Apatani-Familie in Ziro

Der abgelegene Bundesstaat Indiens namens Arunachal liegt im äußersten Nordosten des Landes. Was ihn ausmacht, ist seine kulturelle Diversität.

Keine zehn Kilometer weiter in den üppigen Wäldern entlang der holprigen Gebirgsstraßen löst die eine Minderheit die andere ab. Es ist die Art, wie sie ihre Häuser, die immer noch erhalten gebliebenen Holz- bzw. Bambushütten, bauen, aber auch die vielen verschiedenen Sprachen, sowie der traditionelle Schmuck und ihre Kleidung, die sie voneinander bis heute unterscheiden.

Gemein ist allen, dass sie sich heute ganz selbstverständlich als indische StaatsbürgerInnen sehen. Ihr Pass beweist, was ihnen innerhalb Indiens und außerhalb des nordöstlichen Teils des Landes abgesprochen wird. Der jüngeren Generation, die hinaus aus der ländlichen Idylle will und in Delhi oder Chennai landet, macht das besonders zu schaffen. Die charmanteste Variante der Ausgrenzung ist dabei noch, dass InderInnen aus anderen Bundesstaaten um Fotos bitten in dem Glauben, dass sie sich mit Reisenden aus Malaysia oder China ablichten lassen. Für die jungen Leute aus Arunachal ist es schwierig die ständig stattfindende Ausgrenzung zu akzeptieren und zu hören, dass sie nie und nimmer InderInnen wären.

Apatani in Ziro, Arunachal, Indien

Tatsächlich ist die heutige indische Staatsbürgerschaft alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Offiziell erhebt China immer noch Anspruch auf Arunachal, auch wenn praktisch schon lange akzeptiert wurde, dass Arunachal ein Teil Indiens ist, erkennt man den Territorialstreit heute noch an der strichlierten Grenzlinie zwischen Indien und China auf offiziellen Karten. Nur indische und chinesische Karten schaffen Fakten, indem sie Arunachal eben entweder zu Indien geben oder zu China. Der Krieg, der 1962 um Arunachal geführt wurde, spiegelt sich heute nur noch in den Legenden und Mythen wider, die sich um Schlachten und Kriegshelden ranken.

​So soll es sich zugetragen haben, dass ein indischer Heeresführer namens Jaswant Singh Rawat alleine gegen eine ganze Armee chinesischer Soldaten kämpfte, weil seine ganze Armee zuvor vergiftet worden war. Das Flusswasser, in welchem sie badeten und welches sie tranken, war von den chinesischen Einheiten verseucht worden. Nur der Heeresführer blieb unversehrt. Die Schlacht gegen eine chinesische Armee konnte Jaswant Singh Rawant unmöglich gewinnen, doch zum Helden wurde er trotzdem. Sela, eine Frau aus den Dörfern Arunachals, war ein Grund dafür, dass es wenigstens gelang etwas Zeit zu gewinnen. Selas Vater missbilligte die Liebe zwischen seiner Tochter und dem indischen Heeresführer, weshalb er der vorbeiziehenden chinesischen Einheit, die auf der Suche nach Jaswant Singh Rawant war, seine Tochter auslieferte mit dem Hinweis, dass sie die Einheit zu ihrem Geliebten führen könnte. Doch Sela beugte sich dem Willen ihres Vaters und der chinesischen Armee nicht, führte sie in die Irre und zu einem mächtigen Wasserfall, von dem sie sich herabstürzte, um nicht ihre Liebe verraten zu müssen.

Andere Versionen der Legende besagen, dass sich Sela erst beim Anblick ihres verstorbenen Geliebten das Leben nahm. Der Pass, wo Jaswant Singh Rawant und die chinesische Armee aufeinandertrafen, trägt heute noch den Namen Sela. Die Geschichte von Sela und Jaswant Singh Rawat ist zum neuen Mythos aufgestiegen, manifestiert mit der Liebesgeschichte zwischen einer einheimischen Frau und dem indischen Heeresführer die Zugehörigkeit Arunachals zu Indien.

Arunachal, Indien
Arunachal, Indien
Apatani in Ziro, Arunachal, Indien

Seit dem durch den Krieg vorangetriebenen infrastrukturellen Anschluss an die größeren Städte im Nordosten verschwinden viele der Traditionen, die heute oft nur noch von den Älteren gelebt werden, was man auch an den charakteristischen unisex Kurzhaarschnitten, an den Tätowierungen im Gesicht und bei den Apatani auch an den je nach Stellung kleineren oder größeren Nasenringen erkennt. In den 1980er Jahren ließ man davon ab den heranwachsenden Frauen die Nasenlöcher zu stechen, heute würden es viele der älteren Frauen aber begrüßen, wenn diese Tradition nicht sterben würde und auch unter den Jüngeren gibt es welche, die es zumindest wieder in Erwägung ziehen. Tatsächlich hatte die Tradition seit jeher einen bitteren Beigeschmack. Grund für das Stechen der Nasenringe war, dass die benachbarten Minderheiten Frauen der Apatani entführten. Um das zu verhindern, wollten die Apatani ihre Frauen entstellen. 

Arunachal, Indien

Besonders die Häuser spiegeln die große Jagdtradition Arunachals wider. An den Fassaden hängen unzählige Hörner der wildlebenden Metunbüffel, Gebisse von Wildschweinen und vereinzelt besitzen Familien auch ein Tigergebiss. Gerade in Bezug auf die Jagd genießt Arunachal Sonderrechte innerhalb Indiens. Das sogenannte „tribal law“ erlaubt, dass bis heute selten gewordene Tiger und selbstredend auch alle andere Tiere erlegt werden dürfen. Gerade die einheimischen Frauen sind allerdings alles andere als zufrieden mit dem „tribal law“, welches Männern aus Arunachal nach wie vor erlaubt mehrere Frauen zu ehelichen. Manche Frauen versuchen Auswege zu finden und überreden ihre Männer zum Christentum zu konvertieren in der Hoffnung dann in Monogamie leben zu können. Das hilft schlussendlich nichts, wenn der Mann auf sein Recht besteht. 

Hängebrücke in Arunachal Pradesh, Indien
Hängebrücke in Arunachal, Indien

Doch tut das der Konvertierungswelle keinen Abbruch. Die lokalen Naturgottheiten werden gerne um einen christlichen Gott oder Jesus Christus ergänzt und Weihnachtssterne hängen vor den Eingängen neben den traditionell geschmückten Pfeilern für Naturgottheiten. Viele Familien haben sich für das Christentum entschieden, weil sie sich durch die Gemeinde Unterstützung in vielerlei Hinsicht erhoffen. Auch sehen manche darin eine Chance dem anhaltenden finanziellen Druck innerhalb eines Dorfes zu entfliehen. Arunachal ist bekannt für seine vielen Feste und für alle Feierlichkeiten wird von jeder Familie des Dorfes verlangt eine gewisse Anzahl an Metuns zu erlegen oder dementsprechend zu zahlen. Arme Familien kommen damit immer wieder in die missliche Lage, dass sie nicht als vollwertiges Mitglied der Dorfgemeinschaft gesehen werden oder aber noch größere finanzielle Engpässe verzeichnen müssen. Sie konvertieren oft in der Hoffnung sich dann mit dem Verweis auf ihre neue Religion von diesen Pflichten lossagen zu können. Traditionsbewusste Einheimische beobachten diese Entwicklung mit Argwohn und fürchten um den Verlust der regionalen Naturreligionen, die abseits des buddhistisch geprägten westlichen Teil des Bundesstaates dominieren.

Arunachal Pradesh, Indien
Arunachal Pradesh, Indien

Die großen Modernisierungsschritte in der Region sind am Vergleich der Generationen erkennbar. Die traditionell gekleidete Großmutter mit ihrem durch Jodmangel bedingten Struma am Hals sitzt neben der Enkelin mit ihrem heavy-metal-T-Shirt, die über die klapprigen Hängebrücken über reißende Flüsse mit ihrem Moped brettert. Heute sind es die Feste, wo auch die Jüngeren die Traditionen wieder hochleben lassen, ob es sich nun um eine Verlobungsfeier handelt, bei der zwischen den Familien über eine Stunde um Schwerter und Metunfleisch gefeilscht wird, oder die vielen jährlichen Tanzfeste, wo Jung und Alt ihre Tanz- und Gesangkünste unter Beweis stellen. Im Fernseher neben der Feuerstelle laufen immer wieder die kolonialistisch geprägten Dokumentationen aus dem frühen 20. Jahrhundert, in denen die heutige Großmutter der jüngsten Enkelin, die heute auf den Bildschirm starrt, noch als „nackte Wilde“ bezeichnet wird. 

Arunachal, Indien
Arunachal, Indien

Besonders die Frauen genießen heute abseits der leidigen Polygamie eine emanzipierte Stellung in Arunachals Gesellschaft. Aus dem Grund, dass sie sich hier so frei bewegen können und keinem gesellschaftlichen Druck unterliegen, der mit dem vieler anderer indischer Bundesstaaten vergleichbar wäre, kommen viele nach ihrem Studium in Delhi oder Chennai gerne wieder zurück nach Arunachal. 

Daporijo in Arunachal, Indien
Arunachal, Indien

Kaziranga-Nationalpark in Assam

Ein 430 km2 großes Naturparadies entlang des sagenumwobenen Brahmaputras ist eines der letzten Rückzugsgebiete des asiatischen Panzernashorns. Wer sein Geld in eine Jeep-Tour durch das Weltnaturerbe des Kaziranga-Nationalparks steckt, kann sich sicher sein, dass er/sie zum Schutz dieser Tiere beiträgt.
In Assam im äußersten Nordosten Indiens leben heute rund 2.400 der seltenen Tiere und das macht einen Anteil von sage und schreibe 70% an der Gesamtpopulation aus. Kein Wunder also, dass es uns nur nach wenigen zurückgelegten Metern mit dem Jeep vergönnt ist, eines der Tiere zu beobachten. Aus respektvoller Distanz versteht sich. Völlig entspannt vor sich hinkauend scheint es gar keine Notiz von uns zu nehmen. Wir befinden uns im Jeep, als wir ein Panzernashorn nach dem nächsten aufspüren und in seiner natürlichen Umgebung beobachten, und das ist gut so, denn es geht auch anders. Auch auf dem Rücken eines Elefanten kann man sich diesen Tieren nähern, nur dass man darauf der Elefanten zu Liebe verzichten sollte.

Der Schutz der vom Aussterben bedrohten Panzernashörner wird im Kaziranga-Nationalpark groß geschrieben, was einen andauernden Kampf mit Wilderern bedeutet, der immer wieder Todesfälle fordert, denn zu begehrt ist das kostbare Horn. Nur aufgrund des rigorosen Schutzes konnte überhaupt verhindert werden, dass das Nashorn nicht schon ausgestorben ist. Gab es Anfang des 20. Jahrhunderts nur noch wenige hundert Tiere, hat sich die Gesamtpopulation mit rund 2.800 Tieren etwas stabilisiert. Dass wir gleich 16 dieser majestätischen Dickhäuter begegnen können, ist also keine Selbstverständlichkeit und wird erst möglich durch den Kaziranga-Nationalpark mit seinem anhaltenden Artenschutzprogramm.

Nashorn im Kaziranga Nationalpark, Indien
Nashorn im Kaziranga-Nationalpark, Indien