Sar Agha Seyed – Nomadentum in Iran

Sar Agha Seyed, Zagros, Nomaden, Bakhtiaren, Iran

Das bakhtiarische Bergdorf Sar Agha Seyed liegt abgeschieden inmitten des Zagros-Gebirges

​In der Abgeschiedenheit des größten Gebirges Irans erhebt sich, noch unentdeckt von der Welt, eine Siedlung von sesshaft gewordenen Bachtiaren. Wie Bienenwaben fügt sich ein Haus an das andere und gemeinsam bieten sie einen der großartigsten Anblicke des Landes. Dabei ist ein Leben in diesem Dorf namens Sar Agha Seyed eine sehr traditionsbehaftete Form das Nomadentum aufzugeben.

Eine holprige Schotterpiste entlang, die sich durch die massive Gebirgslandschaft des Zagros schlängelt, führt geradewegs in das Kerngebiet der Bachtiaren, einer der traditionell nomadischen Bevölkerungsgruppen des Landes. Schon vorbeiziehende Viehherden und die aufgeschlagenen Zeltlager zeugen von einem Leben der Bachtiaren, welches hier über die Jahrhunderte hinweg konserviert geblieben zu sein scheint. Gegen den schwindelerregenden Blick in den drohenden Abgrund und die nicht enden wollenden Kurven hilft einzig und allein die Fokussierung auf die grandiose Berglandschaft mit dem weit über 4.000 Meter hohen Zard Kuh als Krönung des Zagros. Und doch schafft eine kleine Siedlung der Bachtiaren die einmalige Schönheit der Landschaft noch zu übertreffen. Nach stundenlanger Fahrt ist das Ziel nichts Geringeres als eines der schönsten Dörfer der Welt. Und dabei scheint die Welt noch nicht aufmerksam geworden zu sein auf diese abgeschiedene Manifestation bachtiarischer Kultur und Baukunst. Zu verdanken ist dieses pittoreske Dorf, dessen Häuschen dem Berghang förmlich entspringen zu scheinen, einem Bachtiaren-Stamm, der mit dem Grundstein dieser Siedlung die Entscheidung fällte sesshaft zu werden. 

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Die ansässigen Menschen erzählen voller Stolz von der Geschichte, wie es zu diesem Entschluss kam. Das nomadische Leben der Bachtiaren brachte es mit sich, dass sie jedes Frühjahr loszogen, um ihre Viehherden zu den hoch gelegenen Sommerweiden zu führen, bevor sie im Herbst wieder zu den tiefer gelegenen Winterlagern zurückkehrten. Eines Sommers starb inmitten der saftigen Weiden des Zagros der führende Kopf des Stammes. An dem Ort, wo dieser alte und heilige Mann seine letzte Ruhe fand, begannen die Mitglieder des Stammes ein Heiligtum und folglich immer mehr Häuser zu errichten. Sie wollten die Ruhestätte des Mannes, den sie so verehrten, nunmehr nicht wieder verlassen und so wurde diese Siedlung fortan ihre ganzjährige Heimat. Und auch alle heute hier lebenden Menschen stehen in tiefer Verbundenheit zu dem verstorbenen Heiligen, der ihr aller gemeinsamer Vorfahr sein soll. Die Geschichte ist im Dorf allgegenwärtig und das Heiligtum wird von der Gemeinschaft gehegt und gepflegt. Jedes Jahr obliegt es einer anderen Familie täglich nach dem Rechten zu sehen und den Schlüssel zum Allerheiligsten gut zu behüten. ​

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Ein nomadisches Leben in Iran

Das einmalig schöne Dorf ist trotz all der Tradition, die in ihm weiterlebt, auch Teil des Verlusts einer nomadischen Lebensweise. Viel weniger abgeschieden und idyllisch schreitet eben dieser Verlust in den letzten Jahrzehnten rapide voran. Aus der westlichen Welt schon längst gänzlich verschwunden, hat sich die nomadische Lebensweise im Iran im Vergleich zur restlichen Welt verhältnismäßig gut gehalten. Vielleicht macht auch das die Faszination aus, die von den noch erhaltenen nomadischen Kulturen ausgeht. Aber auch im Iran steht die Zeit nicht still. Galten im vergangenen Jahrhundert noch ganze 25 % der Bevölkerung als nomadisch, könnte das neue Jahrhundert bereits das Ende dieser Tradition besiegeln. Die Schätzungen auf nomadisch lebende Menschen im Iran belaufen sich derzeit auf 1 Million, die Bachtiaren gehören dabei zu den größten nomadischen Volksgruppen des Landes. Unterteilen lassen sich diese Bevölkerungsgruppen in Stämme und eine Ebene darunter wiederum in Familien. Die Ordnung auch innerhalb der Familien ist strikt hierarchisch organisiert. Anhand der unterschiedlichen Lebensweisen und vorhandenen Übergangszonen zur Sesshaftwerdung kann auch zwischen nomadischen und halbnomadisch lebenden Menschen unterschieden werden. Auf halbnomadische Familien kann man durchaus auch im besagten Dorf treffen, nämlich dann, wenn nur wenige Mitglieder der Familie mit den Herden ziehen und der Rest in der Siedlung verbleibt.

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Halsbrecherische Migration

Die Bachtiaren gehören den Lor-Stämmen an und so ist auch der Bachtiaren-Dialekt der Sprache Lori zuzuordnen. Eine Provinz des Landes trägt auch heute noch den Namen der nomadisch geprägten Bevölkerungsgruppe. Chahar Mahal und Bakhtiari ist das Kerngebiet der Bachtiaren. Rund 50.000 führen heute noch das traditionell nomadische Leben ihrer Vorfahren – Tendenz sinkend. Auf dem Weg zum Dorf trifft man auf diejenigen Bachtiaren, die ihre nomadische Kultur weiterhin aufrechterhalten. Die große Überquerung der Zagros-Pässe gilt als eine der spektakulärsten Migrationen der Welt und steht traditionsbewussten und nomadischen Bachtiaren jedes Jahr zweimal aufs Neue bevor. Wenn die Weiden im Zagros-Gebirge mit Schnee bedeckt sind, sind die Viehherden längst in den südlicheren Ebenen Khuzestans zwischen Lali und Izeh. Dass die seit jeher genützten Weideflächen der Winterlager immer mehr landwirtschaftlich genützt werden, sorgt für zunehmende Konflikte zwischen der nomadischen und bäuerlichen Bevölkerung. Die traditionellen Märsche über den Zagros, die bis zu drei Wochen in Anspruch nehmen, gehören bereits größtenteils der Vergangenheit an. Die großen Gefahren einer solchen Migration für Mensch und Tier sprechen für die meisten Bachtiaren dagegen. Immerhin gibt es mittlerweile auch die Möglichkeit die Strecke mit einer achtstündigen Autofahrt zu bewältigen. Trotzdem wagen ein paar Familien jedes Jahr mit vollgepackten Eseln und kleinen Schäfchen im Arm den Marsch auf sich zu nehmen. Schon die Allerkleinsten machen die Wanderung mit. Fest eingewickelt in Tüchern werden so auch Babys am Rücken ihrer Mütter den langen Weg über getragen.

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Konflikte und Alltag

Jeden Morgen erwacht das kleine Dorf zu neuem Leben, wenn sich die Einheimischen auf den Dächern der ineinander verschachtelten Häuser tummeln, um die ersten Arbeiten des Tages zu verrichten. Dann tragen die durchwegs starken Frauen schwere Lasten quer durch das ganze Dorf und die Ältesten sitzen zusammen und tauschen sich über bevorstehende Dorfentscheidungen aus. Der Bürgermeister selbst muss mittlerweile kein alter Herr mehr sein und das ist er mit seinen Mitte 40 auch nicht. Dass ihm in seinen jungen Jahren die Ehre zuteil wurde, Entscheidungen für das ganze Dorf zu treffen, ist seiner elementaren Bildung zu verdanken. Es war eine zentrale Bedingung, auf die sich die Dorfgemeinschaft geeinigt hatte, dass der Bürgermeister angesichts seines Amtes zumindest einen elementaren Schulabschluss haben sollte. Der einen Tick zu modern wirkende Mann, der nun offiziell das letzte Wort hat, ist in der Pflicht aufkeimenden Konflikte innerhalb der Dorfgemeinschaft zu lösen. Ein neu gebautes Haus inmitten der dichten Siedlung ist da schon einmal Anlass für Unmut. Ein ganzes Ordnungsgefüge gerät durcheinander, wenn sich nun ein neues Haus und Dach dort befinden, wo zuvor noch die Schneemassen hingeschaufelt wurden. Bei den harten Wintern im Zagros ist die Last des Schnees eine Bedrohung und die Beseitigung der Gefahr ist angesichts der dicht ineinander verschachtelten Häuser alles andere als leicht. Während die betroffenen Familien am einen Ende des Dorfes streiten, wird in anderen Häusern in einer dunklen Backstube Brot gefertigt. Hinter dem Idyll der Dorffassade steckt eine Menge Arbeit. Joghurt wird geschlagen, Wildtiere werden gejagt und Häuser werden instand gehalten. ​

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Ausblick – Eine Frage der Generation

Wie so oft auch anderswo gibt es im Iran eine große Diskrepanz zwischen der nomadischen/halbnomadischen und der städtischen Bevölkerung. Die Stellung der nomadisch lebenden Menschen in der iranischen Gesellschaft ist alles andere als zufriedenstellend für die Bachtiaren. Vor allem die Leute aus den Großstädten wie Isfahan stehen den Bachtiaren mit einer gewissen Ablehnung gegenüber. Ihre Einfachheit und ihr niedriges Bildungsniveau seien dafür verantwortlich, sagt man. Unumstritten ist, dass zwei völlig unterschiedliche Lebenswelten aufeinanderprallen und der weltweit gängige Gegensatz Stadt-Land wird noch verstärkt, wenn eine nomadische Tradition im Hintergrund steht. Und tatsächlich treffen diese Lebenswelten immer häufiger aufeinander, weil viele der jüngeren Bachtiaren mit dem nomadischen oder auch nur traditionellen Leben brechen und in die Stadt ziehen. Diese jüngere Generation sieht sich schließlich nicht nur mit der naserümpfenden Stadtbevölkerung konfrontiert, sondern bekommen auch aus der eigenen Familie starken Gegenwind zu spüren. Ein gewisser Generationenkonflikt ist unvermeidbar, wenn die älteren Familienmitglieder auf das nomadische oder zumindest kleindörfliche Leben beharren und die jüngeren sich nach dem Leben in der Stadt sehnen. Die neuen Möglichkeiten, die den jungen Leuten jetzt offen stehen, haben den Konflikt verschärft. Seit den 60ern werden nämlich auch nomadisch lebende Kinder von Lehrkräften unterrichtet, die teilweise große Distanzen zurücklegen, um den Kleinsten Lesen, Schreiben und Rechnen beizubringen. Durch die elementare Bildung, die ihnen zuteil wird, träumen viele davon in städtischen Schulen weiterlernen zu dürfen oder sogar zu studieren.

Ob es den träumenden Kindern, die heute noch Ziegen hüten oder im Dorf von Dach zu Dach springen, schon möglich sein wird diesen Weg einzuschlagen, bleibt ungewiss. Und vor allem die Mädchen werden diese Entscheidung nicht alleine treffen dürfen, allenfalls haben sie angesichts der streng patriarchal strukturierten Gesellschaft das Glück einen Mann zu heiraten, der den gleichen Weg einschlagen möchte wie sie. All diese Fragen und Entwicklungen spielen sich hinter dem Idyll des Dorfes und der Gebirgslandschaft ab. Dafür, dass zumindest die Bausubstanz des Dorfes so bleibt, wie sie ist, und nicht mit der Zeit geht, sorgen bereits iranische Behörden. Der iranischen Vorliebe für liebliche Bergdörfer und der Wertschätzung der Kulturgüter des Landes ist es wohl zuzuschreiben, dass die Bachtiaren das traditionelle Bild des Dorfes nicht (mehr) verändern dürfen. Modernere und größere Häuser werden deswegen nur außerhalb des Dorfkerns gebaut. So scheint auch für die nächsten Jahre der einmalig schöne Anblick des Dorfes gesichert.

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