Kirgisischer Nomadismus in Afghanistan

Kirgisen des kleinen Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor

Ein dreitägiger Trek führt vom Wakhan auf Afghanistans Dach der Welt. Der kleine Pamir ist die Heimat einer kirgisischen Minderheit.

Auf einem mit Gepäck vollbepackten Pferderücken entlang eines zu schmalen Trampelpfades, der die einzige Verbindung zu einem der abgelegensten Teile der Welt und Afghanistans darstellt, fürchte ich zum ersten Mal um mein Leben. Rechts von mir erhebt sich der majestätische Gebirgszug namens Hindukusch, für dessen Schönheit mir jedoch im Moment jeder Sinn fehlt. Es ist die Tiefe des Abgrunds neben mir, die mich in Bann hält. Das gemächliche, aber bestimmte Voranschreiten meiner Trägerin gleicht einem Drahtseilakt. Diese Stute, in deren Trittsicherheit ich mein Leben lege, sie wird wissen, was sie tut. Alles, was mir bleibt, ist, mich ruhig zu verhalten, allenfalls nicht die Balance zu verlieren, wie ein gutes Gepäckstück mit Gleichgewichtssinn. Plötzlich ein Ruck. Das Pferd strauchelt. Mein Herz. Es macht einen größeren Sprung, als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich wage es nicht, einen Laut von mir zu geben, der Schrei, der mir innerlich entfährt, er wird zu einem kaum vernehmbaren Wimmern. Masud, „Pferdemann“ von Beruf, wirft einen besorgten Blick zu mir und einen etwas missmutigen zu seinem Pferd, das hat allerdings schon längste Zeit wieder zu seiner Contenancegefunden, ich aber nicht zu meiner Stimme.Der Pamir Afghanistans verschlägt uns gleich mehrere Male die Sprache. 

Kleiner Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor

Mein von der gestrigen Passüberquerung angeschlagenes Knie ist der eigentliche Grund, dass sich die Stute am nächsten Tag über eine zusätzliche Last freuen kann. Unsere Faszination für eine nomadisch lebende Minderheit am Rande der Welt der Grund für diese Reise. In völliger Abgeschiedenheit bin ich froh, mich als Frau nicht verhüllen zu müssen. Es ist ein anderes Afghanistan, das wir bereisen, eines abseits der Burka und des Terrors. Im Wakhan gehören Frauen mit ihren farbenprächtigen Kleidern und ihrer oft deutlich zu sehenden Haarpracht zum selbstverständlichen Bild des öffentlichen Lebens. Doch haben wir vorerst den Wakhan hinter uns gelassen, um auf vermeintlichen Trampelpfaden unbedeutender Ziegenherden, einer der damals so wichtigen Handelsstraßen nach China zu folgen. Die Grenze zu China ist heute längst geschlossen, was den Weg zu einer Sackgasse macht. Jedoch trotzen bis zum heutigen Tag nomadische Kirgisen und Kirgisinnen Wind und Wetter der rauen Gebirgslandschaft, die sie ihr Zuhause nennen. Drei Tage und drei Pässe weit über 4000 m müssen wir hinter uns bringen, um die erste saisonale Jurtensiedlung zu erreichen. 

Kirgisen des kleinen Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor
Kirgisen des kleinen Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor

Drehen sich jetzt unsere Gedanken nur darum einen Fuß vor den anderen zu setzen, schien es noch vor wenigen Monaten unmöglich, abermals dieses Land zu betreten. Grund dafür war die Frühjahrsoffensive der Taliban, die gefährlich nah an den Wakhan heranreichte. Auch der Wakhankorridor als vermeintliche Insel der Seeligen droht die politische Realität Afghanistans einzuholen. Talibantruppen und mittlerweile auch die IS befinden sich im ganzen Land im Vormarsch. Der afghanische Staat setzt dem wenig entgegen. Der schiitische Wakhan und die sunnitischen Kirgisen und Kirgisinnen haben mit Fundamentalismus nichts am Hut, die Vorstellung, dass die Taliban auch hier das Sagen haben könnte, versetzt alle in Angst und Schrecken. Vor Ort ist man sich sicher. Nur die politische Intervention des religiösen Operhauptes der im Wakhan lebenden Ismailiten und damit niemand Geringerer als Agha Khan, der immer noch als einer der reichsten Männer der Welt gilt und von dem in Europa vor allem wegen seiner Ehe mit Gabriele Prinzessin zu Leiningen immer wieder in der High-Society-Presse zu hören war, hätte den Wakhan vor Schlimmeres bewahrt. Das afghanische Militär kann Taliban und IS erfolgreich zurückdrängen. Die Beruhigung der politischen Lage macht die Reise im Sommer erst möglich.

Den Weg nach Afghanistan nehmen wir über Tadschikistan in Angriff. Etappenweise geht es von der Hauptstadt Duschanbe zuerst nach Chorugh, wo wir innerhalb eines Vormittages alle notwendigen Visaabläufe hinter uns bringen, um dann in das tadschikische Ischkaschim weiterzuziehen. Dort findet sich der offene Grenzübergang, der geradewegs in das vor kurzer Zeit noch bedrohte afghanische Ischkaschim führt. Unser Reisevorhaben klingt verwegen, doch sind wir keineswegs alleine. Schon seit mehreren Jahren zieht es ein kleines Segment gleichgesinnter Reisender in den afghanischen Wakhankorridor, laut lokaler Behörden handelt es sich um rund 150 Leute im Jahr und tatsächlich treffen auch wir in Ishkashim auf eine Hand voll europäische Reisende. ​

Kleiner Pamir in Afghanistan, Wakhankorridor
Kleiner Pamir in Afghanistan, Wakhankorridor

Beinahe haben wir den höchsten Punkt des 4887 m hohen Passes Uween E-Sar erreicht, da machen unsere Reiter angesichts der voranschreitenden Nachmittagssonne halt. Wir würden hier übernachten, heißt es. Länger als acht Stunden am Tag arbeiten sie nicht, das sei ihr gutes Recht, versichern sie uns. Auf dieser Höhe und in dieser Abgelegenheit mit Arbeitsrechten konfrontiert zu werden, überrascht und begeistert uns zugleich. Aber wir sind bereits viel zu hoch, um hier unser Nachtlager aufzuschlagen. Die Gefahr, dass uns doch noch die Höhenkrankheit einholt, können wir nicht ignorieren. Unser Angebot, die entstandenen Überstunden zusätzlich zu entlohnen, dafür den Pass noch zu überqueren und auf einer wesentlich niedrigeren Höhenlage zu nächtigen, wird angenommen. Zwei weitere Stunden führen über massig Geröll und das ewige Eis des Uween E-Sars, bevor wir gemeinsam mit den letzten Sonnenstrahlen unser endgültiges Lager unweit des Gletschers erreichen. Die klirrende Kälte frisst sich durch unsere Schlafsäcke. Dabei können wir uns noch über den Schutz des Zeltes freuen, während unsere Reiter die Nacht nur mit einer Decke ausgerüstet überstehen. Bald ziehen dichte Rauchschwaden zu uns und von unseren Begleitern ist nichts mehr zu sehen. Das Opium wird ihnen über diese Nacht hinweghelfen.

Kleiner Pamir in Afghanistan, Wakhankorridor

Die 200 Meter, die uns nun vom höchsten Punkt des Passes trennen, sie reichen lange nicht aus. Die Rache folgt prompt am nächsten Morgen, als meine Schläfe pocht, mein Herz rast und die umliegenden Steine vor mir zu tanzen beginnen. Mein unermüdlicher Drang Flüssigkeit zu mir zu nehmen und unser rascher Abstieg kann Schlimmeres verhindern. Von unserem Ziel trennt uns nur noch der Pass Aqbelis mit seinen läppischen 4.595 Metern.  

Das ferne Blau der Ebene zu unserer Linken verheißt Gutes. Wenn wir bereits den See Chaqmaqtin sehen können, ist unser Ziel in Reichweite. Und bald darauf liegt es tatsächlich vor uns, Kashch Goz, die erste von vielen kirgisischen Siedlungen, die wir zu Gesicht bekommen. Vielleicht ist es nur die Last der letzten Tage, die in diesem Moment von unseren Schultern fällt, aber wir sind uns in diesem Moment sicher, nie etwas Schöneres gesehen zu haben. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die prächtigen Jurten der Ebene in sanftes Licht. Das Sommerquartier Kashch Goz scheint eingerahmt von dahinterliegenden schneeweißen Gipfeln, nicht weit von hier nehmen der Gebirgszug Karakorum und Pakistan seinen Anfang. Wir sind uns der Besonderheit bewusst, hier stehen zu dürfen. Bedeutende österreichische Forschungsexpeditionen führten 1970 und 1975 in den Wakhan. Dafür die Erlaubnis der afghanischen Behörden zu bekommen, war keine Selbstverständlichkeit. Nur in absoluten Ausnahmefällen wurde der Zutritt zur kirgisischen Minderheit gewährt, die sich so nah an der sowjetischen Grenze befand. Zwischen 1971 und 1973 gelang es schließlich Rémy Dor und Clas Naumann als Forschungsreisendein dieses Gebiet, von dem sie überzeugt waren, es wäre unzugänglicher als Tibet und Ladakh, vorzudringen.

​Geschäftig eilen die Kirgisinnen von einer zur nächsten Arbeit, während das gesamte Vermögen der Siedlung hier seelenruhig vor sich hin kaut. Mal eben 1.000 US-Dollar durch den Verkauf eines einzigen Yaks zu lukrieren, ist keine Selbstverständlichkeit in einem Land wie Afghanistan und die reichsten Nomaden können über 2.000 Tiere, darunter auch Ziegen, Schafe und Kamele, ihr Eigen nennen. Von der Euphorie, es hierher geschafft zu haben, getragen, schließen wir die ersten Bekanntschaften und stellen unsere Zelte auf. In dieser Nacht wiegen uns grunzende Yaks in einen tiefen Schlaf.

Kirgisen des kleinen Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor

Als wir mit unseren Reitern aus dem Wakhan weiterziehen wollen, werden wir aufgehalten. Eine Durchquerung der kirgisischen Gebiete ohne kirgisische Reiter wäre unmöglich. Masud und Nizar sollen ausgetauscht werden und auch für den dreitägigen Abstieg in den Wakhan wären wir fortan auf die kirgisischen Reiter angewiesen. Das wollen wir nicht hinnehmen. Unsere Begleiter sind uns ans Herz gewachsen, sie hatten immer ein schützendes Auge und eine stützende Hand für uns, ließen uns über lange Strecken auf ihren Pferden reiten und geleiteten uns sicher und trocken über reißende Gebirgsflüsse. Mit kirgisischen Reitern an unserer Seite wäre das nicht der Fall. Sie sind bekannt dafür, mit ihren Pferden und dem Gepäck samt Essensvorräten davonzureiten und sich nicht weiter um die Mitreisenden zu kümmern.

Es setzen harte Verhandlungen ein, die die Aufmerksamkeit der Männer des Dorfes und der afghanischen Händler auf sich zieht. Mithilfe unseres Übersetzers mache ich unseren Standpunkt klar. Doch der stämmige Kirgise, der sich als „Polizist“ dieser Region vorstellt, gibt uns zu verstehen, dass das hier sein Land sei und er dafür Sorge tragen würde, dass wir keinen Meter weiterkommen. Nur hat er nicht mit unserem argumentationsfreudigen Khalid gerechnet. Schließlich werden zwei unterschiedliche Landbegriffe ausgefochten, denn als Afghane sei es immerhin auch sein Land, wendet Khalid ein. Letztlich hilft alles nichts, dass es sich hier um den Nationalstaat Afghanistan handelt, ändert nichts an der Überzeugung der Kirgisen die eigentlichen Herren über dieses Gebiet zu sein. Wir einigen uns darauf, zusätzlich zwei Pferde und einen kirgisischen Reiter für die bevorstehenden Tage auf kirgisischem Boden anzuheuern. Khalid resigniert, wir hätten durch die Kraft unserer Argumente gewinnen sollen, durch die Macht der Rede, aber jetzt habe das Geld gewonnen.

Als wir losreiten, bewahrheitet sich umgehend die Befürchtung und der kirgisische Reiter ist bald nicht mehr in Sichtweite – zumindest für die erste Teiletappe des Tages. Aus welchem Grund auch immer bleibt er die nächste Etappe bei uns und erlaubt Khalid das Pferd mit ihm zu teilen. Die Stimmung ist ausgelassen, vergessen ist der Ärger beim kirgisischen Reiter und bei uns. Wir seien die Ersten, die es geschafft haben mit Wakhis durch den Kleinen Pamir zu ziehen, ist sich Khalid sicher. Er legt den Kopf zur Seite und schmunzelt, und vermutlich seien wir auch die Letzten. Masud lacht auf, treibt sein Pferd mit den Worten Chur Chur an und wir sind froh unsere liebgewonnene Truppe nicht in der Ödnis des Kleinen Pamirs verloren zu haben. 

Kirgisen des kleinen Pamirs in Afghanistan, Wakhankorridor

Ein abschließendes Gespräch über die vorhergehende Verhandlung wartet auf uns in der nächsten Siedlung. Er-Ali soll der mächtigste und reichste Mann unter den Pamir-Kirgisen sein. Unweigerlich müssen wir an Sabrina und Roland Michaud denken, die es 1971 geschafft haben, sich einer Karawane des Großkhans und Oberhauptes der Pamir-Kirgisen Rahman Qul anzuschließen. Er war nicht bekannt dafür ein freundlicher Zeitgenosse zu sein. In dem Moment, als wir die Jurte Er-Alis betreten, blicken wir allerdings in die offenherzigen Augen und das herzerwärmende Lächeln eines älteren Herrn. Es sitzt kein Rahman Qul vor uns, das Gespräch wird gut verlaufen, da sind wir uns sicher. Er-Ali heißt die getroffene Vereinbarung gut und uns willkommen. Wir lernen das Leben der kirgisischen Minderheit näher kennen, begleiten die Frauen bei ihren täglichen Arbeiten und bewundern dabei die Farbenpracht ihrer festlich anmutenden Alltagskleidung – ein prächtiger Farbtupfer in der Ödnis des Kleinen Pamirs. 

Es folgt der notwendige Abschied und der Abstieg in den Wakhan. Wieder sind es drei Tage, die wir zurücklegen müssen. Eine von Kirgisen geführte Yakherde kommt uns entgegen. Die mit Holzmöbeln und Stoffen bestückten Tiere sind auf dem Weg zu Er-Ali. Weitere Male kreuzen solche „Karawanen“ unseren Weg. Nur einmal befindet sich eine Frau auf dem Rücken eines Pferdes. Unsere Blicke treffen sich, sie lächelt. Direkt hinter ihr folgt ein Wakhi mit einem wenige Wochen alten Baby im Arm. Khalid klärt uns auf. Die junge Frau sei Ärztin, das Baby ihr Kind, natürlich müsse es auf die Reise mit, immerhin sei das der Job dieser Frau, gibt er uns mit großer Selbstverständlichkeit zu verstehen. Wir haben es liebgewonnen, das andere Afghanistan. Nur wie lange es das noch geben wird, ist nicht sicher.

* Die Namen der Reiter und des Übersetzers wurden geändert.

Kleiner Pamir in Afghanistan, Wakhankorridor