Karakul

Karakul, Pamir, Pamir Highway, Tadschikistan, Tajikistan,

Der tadschikische Pamir & Karakul: Wo das Nichts zuhause ist.

Es knarrt. Die Wäscheklammern halten rosarot gemusterte Stoffe fest. Sie halten aber nicht still. Sie unterbrechen die Stille und üben sich in Haltlosigkeit. Der Wind hilft ihnen dabei. Die Leine, auf der die paar verwahrlosten Klammern wippen. Es ist ein steifer Draht, der sich vom einen zum nächsten dürren Metallmasten schwingt.

Ein Hund gähnt. Er sitzt nicht länger im Schatten der weiß getünchten Häuserwand. Sondern steht auf. Langsam. Alle seine Bewegungen. Unsagbar langsam. Im Nichts zu leben. Das ist pure Mühsal. Das ist Trotz.

Er ist mager. Sein entgegen aller Wetterwidrigkeiten immer noch schönes Fell kann nicht darüber hinwegtäuschen. Von der Wölbung seines Brustkorbs führt seine Körperlinie bis zu den Ansätzen seiner Hinterbeine steil hinauf. Kein Bauchansatz. Woher auch? Ausgemergelt steht er da. Sein Blick trüb. Seine Augen rot gezeichnet. Gemächlich schreitet er über den breiten Schotterweg. Es gibt hier nichts, wofür es sich, zu eilen, lohnt. Nur das Nichts selbst scheint in Karakul zuhause zu sein. 

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Die kleine Siedlung am östlichen Ufer des gleichnamigen Sees wirkt am frühen Morgen kaum lebendiger als noch vor wenigen Stunden, als ich kurz nach vier Uhr morgens in der Schwärze der Nacht hier angekommen bin. Keine sattgrünen Hügel mit Ausblick auf schroffe Bergspitzen mehr. Nun also Tadschikistan. Das Herz des Pamirs wirkt kalt. Aber es schlägt. Langsam und doch unablässig. Das Gebirge bildet beinahe die Hälfte der tadschikischen Landesfläche, allerdings leben hier nur rund 3 % der Gesamtbevölkerung. Gerade der Ostpamir und mit seinen hoch gelegenen Tälern zwischen 3.5000 und 4.000 m und den Gipfeln, die bis auf über 6.000 m reichen, wird vor allem von Kirgisen und Kirgisinnen bewohnt. Die in Tadschikistan lebende Minderheit stellt hier bis über Murghab hinaus in die Siedlung Alichur die Mehrheit dar. Das 410 km nördlich gelegene Osh in Kirgistan ist den Menschen praktisch viel näher als Khorugh, dem 320 km westlich entfernten Verwaltungssitz der autonomen Region Gorno-Badakhshan.

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Ich schlendere durch die breiten Schotterwege zwischen den Häusern. Manche sind längst verlassen. Ohne Dach auch. Die weißen Fassaden brüchig.

Es geistert. Aber. Noch kann nicht von einer Geisterstadt gesprochen werden. Ein paar Familien leben noch hier. Ob das so bleiben wird, frage ich mich. Wer von den Jüngeren ist schon gewillt, hier zu bleiben? Zwei Kinder kreuzen die Straße, in ihren Händen große Milchkannen. Werden sie hier alt werden? Wohl eher nicht.

Manche Fassaden der herausgeputzten Häuser, meistens sind es Unterkünfte, sind mit blaue Farbstreifen versehen. Ein blauer Schimmer auch dort draußen. Am Ende der Siedlung. Der mächtige See Karakul liegt friedlich danieder. Betörend kräftige Farbe irritiert. Heißt er doch schwarzer See. Und doch. Er ist unerbittlich. Steht dem Leben genauso feindlich gegenüber, wie die Kaltwüste rings um ihn. Dem hohen Salzgehalt trotz nur eine Fischart, eine an die Bedingungen angepasste Schmerle durchstreift diese Gewässer. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass einige Zugvögel die Seeufer als Zufluchtsstätte nutzen. Ein wichtiges Vogelschutzgebiet also, allen lebenswidrigen Umständen hier oben zu trotz.

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Das Ufer entlang spazierend, erkenne ich in der Ferne den schneeweißen Rücken des Pik Lenin. Ich denke an das satte Grün rund um das kirgisische Jurtencamp, von wo ich zwei Tage zuvor noch auf diesen Berggipfel gesehen habe. Nun also von der anderen Seite der Blick nach oben. Inmitten dieser kargen Hochgebirgslandschaft. Eine elegante Schönheit, der Pamir Tadschikistans. Verführerisch und faszinierend. Aber auch abweisend und einschüchternd.

Neben den vom Salz weiß gefärbten Uferstellen blitzen rote Farbtupfer auf. Pflanzen. Welch ein seltener Anblick. Salzpflanzen zwar. Aber immerhin.

Besonders zwei Faktoren  machen die Gebirgswelt so unerbittlich. Da wären zum einen die extrem niedrigen Temperaturen. In der 130 km südlich von Karakul gelegenen Siedlung Murghab kann das Thermometer im Winter bis auf -40 Grad Celsius fallen. Zum anderen hat diese Region kaum Niederschläge zu verzeichnen, weil das hohe Gebirge Regen verheißende Wolken abschirmt. Wasser ist damit ein rares Gut. Pflanzenwuchs selten. Die Wolken branden an die vom Schnee bedeckten Berggipfel wie die Wellen ans Ufer. Das Wasser schäumt weiß. Und weiß auch der von Salz getränkte Boden. Dazwischen glitzert der See. Aber immer anders. Die Farben verlaufen ineinander über. An seichten Stellen schimmert es smaragdgrün, in der Ferne stählern blau. Oben und unten. Himmel und Erde. Mit einem Mal scheint hier am Dach der Welt alles eins zu sein. Ineinander überzugehen und zu verschmelzen.

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