Neue Spieler, altes Spielfeld

Wakhan, Tadschikistan, Afghanistan, Pamir,

Der Wakhan-Korridor zwischen den Fronten wechselnder Großmächte  

Einst wichtiger Teilabschnitt der historischen Seidenstraße wurde der afghanische Wakhan-Korridor mit der von Russland und Großbritannien im 19. Jahrhundert bestimmten Grenzziehung zur Isolation verdammt. Die chinesischen Investitions- und Bauvorhaben im Zuge der Neuen Seidenstraße könnten seinem Dornröschenschlaf ein Ende bereiten, aber letztlich auch böse Geister wecken. 

„Erst letzten Winter habe ich eines der Schafe den Fluss überqueren sehen. Die Leute rund um mich haben gejubelt, als es das Tier geschafft hat, aber insgeheim gewünscht, sie wären an seiner Stelle über die Eisdecke nach Tadschikistan entkommen“, Wehmut spricht aus Ahmeds Blick, als er von den Marco-Polo-Schafen erzählt, die den Fluss Panj und damit die Landesgrenze überqueren können, ohne Gefahr zu laufen, erschossen zu werden. Wenn Tadschikistan auch bis heute der ärmste Nachfolgestaat der ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken ist, so erscheint er den Leuten auf der afghanischen Seite des Wakhan-Korridors doch als Insel der Seligen. Die traditionellen, nicht selten von Ruß geschwärzten Häuser sind schlichter, das alltägliche Leben härter und der Zugang zu Bildung und Medizin noch eingeschränkter als auf der tadschikischen Seite des Flusses. 
Dabei ist es dieselbe Minderheit, die beide Seiten des Flusses und den Wakhan bevölkern. Die Wakhis sind entzweit: Den einen heißt ihr Pass, Tadschiken und Tadschikinnen zu sein und den anderen Afghanen und Afghaninnen. Sie selber identifizieren sich aber vor allem als ismailitische Pamiri. Auch bei Ahmed ist das nicht anders. Der Dreißigjährige, der in der afghanischen Grenzstadt Ishkashim groß geworden ist, fühlt sich den in Tadschikistan lebenden Pamiris wesentlich verbundener als den unzähligen anderen Bevölkerungsgruppen Afghanistans. Gegen einen funktionierenden afghanischen Nationalstaat hätte er wohlgemerkt nichts einzuwenden, nur allein ihm fehlt der Glaube, dass es dazu jemals kommen wird.

Heute sollen rund 50.000 Wakhis entlang der Täler des Pamirknotens, wo die Gebirge Pamir, Hindukusch und Karakorum zusammenlaufen, und damit verstreut auf Tadschikistan, Afghanistan, Pakistan und China leben. Sie zählen zu den Pamiris wie die in anderen Distrikten des tadschikischen Pamir lebenden Shughnanis oder Rushanis und sprechen wie diese eine Sprache ostiranischer Herkunft im Gegensatz zu der westtadschikischen Bevölkerungsgruppe.
Der afghanische Wakhan-Korridor, der den nordöstlichsten Zipfel des Landes bildet, erstreckt sich über den Panj, der sich nördlich in den Fluss Pamir und östlich in den Fluss Wakhan teilt, hinaus und umfasst auch den Kleinen und Großen Pamir. 
Die afghanischen Pamire sind wiederum die Heimat der kirgisischen Halbnomaden und -nomadinnen. Deren Leben wird nicht weniger durch die Landesgrenzen bestimmt als das der Wakhis. Auch sie leben weitgehend abgeschnitten von der kirgisischen Bevölkerung in Tadschikistan, China und Kirgistan. Heute leben nur noch an die 1.500 Kirgisen und Kirgisinnen im afghanischen Wakhan-Korridor.
Beide Minderheiten zeichnen sich nicht nur über eine Identität aus, die über afghanische Landesgrenzen hinausgeht, sondern sind tatsächlich auch auf grenzübergreifende Unterstützung angewiesen. Als religiöses Oberhaupt der im Pamirknoten lebenden Ismailiten und Ismailitinnen ist Aga Khan und die nach ihm benannte Stiftung von außerordentlicher Bedeutung. Die Hilfsleistungen umfassen unter anderem den Ausbau von Bildungseinrichtungen und der medizinischen Versorgung. Für die kirgisische Minderheit fühlt sich vor allem der kirgisische Nationalstaat verantwortlich. Zuweilen schlagen Unterstützungsversuche aber auch fehl, wie das kirgisische Repatriierungsprogramm Kajrylman („Rückkehrer“) zeigt. Im Jahr 2017 folgten sechs kirgisische Familien dem Ruf nach Kirgistan und vor allem den Versprechungen auf ein besseres Leben, kehrten aber schließlich wegen fehlender Perspektiven und vorherrschender Arroganz kirgisischer Medien frustriert wenige Monate später nach Afghanistan zurück.


Handelsschleuse der Seidenstraße

Dass die Isolation des Korridors durch die Landesgrenzziehung im 19. Jahrhundert erst künstlich herbeigeführt wurde, zeigt ein Blick auf die Bedeutung des Korridors als Teilabschnitt der historischen Seidenstraße. Der Wakhan-Korridor befindet sich inmitten des Pamirknotens. Hier laufen die Gebirgszüge Pamir und Hindukush zusammen. Zwischen der im Westen liegenden Siedlung Langar, heute Teil des tadschikischen Wakhans, und dem östlichen Sakashim, heute das afghanische Ishkashim, verlief die Südroute durch das Pamir-Hochgebirge. 
Von der Seidenstraße als durchgehendes Handelsroutensystem von China bis Europa lässt sich erstmals während der Ära des Kushan-Reiches sprechen. Im 1. und 2. Jahrhundert nach Christus florierte unter dem Regiment Kushans der Handel mit Seide aus China, Glas aus Alexandria und Elfenbein aus Indien. Während eine Route vom chinesischen Kaxgar gen Westen über die Pamire nach Fergana und Kokand führte, verlief eine andere Route in südwestlicher Richtung von Kaxgar nach Taxkorgan und folglich über den Großen Pamir des heutigen Afghanistans und den Wakhan-Korridor. Die heute so abgeschiedene Gebirgsregion war dazumal also ein Schauplatz regen Handels. Der Flusslauf des Panj, der Jahrhunderte später als Grenzverlauf herangezogen wurde, hatte, historisch betrachtet, eine verbindende und keine trennende Funktion.
Etliche Festungen und Wachtürme, die zwischen dem 2. und 10. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurden und von denen bis heute Überreste auf beiden Seiten des Flusses zu sehen sind, sollten die Sicherheit durchziehender Handelskarawanen gewährleisten und zur Machtabsicherung dienen. Die heutigen Ruinen Yamchun und Namadgut auf der tadschikischen Seite des Korridors waren einst Militärhochburgen, die von der jeweiligen Ordnungsmacht zur Bekämpfung von Feinden genutzt wurde. Dazu zählt das tibetische Königreich ebenso wie chinesische Kaiserreich während der Tang-Dynastie. Allerdings ist der Anblick von Soldaten bis heute kein seltener. Das Gelände der Festungsruine Namadgut wird bis heute vom Militär genutzt und entlang der afghanisch-tadschikischen Grenze patrouillieren regelmäßig russische, tadschikische, aber auch chinesische Soldaten.

Festung Yamchun im Wakhan-Korridor, Tadschikistan

Aufgezwungene Grenzen

Die Teilung historisch gewachsener Siedlungsgebiete und ihrer Bevölkerungsgruppen ist das Resultat des historischen Konflikts zwischen Russland und Großbritannien – seit Rudyard Kiplings Roman Kim als The Great Game bekannt. Bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geriet Afghanistan, damals nur ein mittleres Bruchstück des heutigen Landes, zwischen die Fronten der zwei Großmächte. Zuerst noch um die Unterstützung Großbritanniens gegen das benachbarte Sikh-Reich bemüht, näherte sich der afghanische Machthaber Dost Mohammad im Kampf um die im heutigen Pakistan gelegene Stadt Peshawar schließlich dem Russischen Kaiserreich an. Die Russen versuchten über das von ihm abhängige persische Qadjaren-Reich ihre Macht in Afghanistan auszubauen und waren an einem Zugang zum Indischen Ozean interessiert. Den russischen Machtausbau wollten die Briten wiederum verhindern und erklärten 1839 Dost Mohammad den Krieg. Zwei weitere Anglo-Afghanische Kriege sollten noch folgen. Der Nationalstaat Afghanistan mit seinen bis heute unveränderten Grenzen wurde Ende des 19. Jahrhunderts von den Großmächten Russland und Großbritannien in die Welt gesetzt. Der neu geschaffene Nationalstaat fungierte vor allem als Puffer zwischen dem Russischen Kaiserreich im Norden und Britisch-Indien im Süden. Keine gemeinsame Grenze zu haben, war aber nur möglich, wenn man den Wakhan-Korridor berücksichtigte. Mit dem Pamir-Abkommen von 1873 wurden die Grenzen des Korridors festgelegt und die völlige Isolation dieses Gebietes wurde besiegelt. Allerdings zerschnitt das neue nationalstaatliche Gebilde nicht nur das im Norden gelegene Fürstentum Badakhshan, sondern teilte auch usbekische und turkmenische Siedlungsräume sowie Stammesgebiete der Pashtunen und Belutschen im Süden.

Für die kirgisische Minderheit im Pamir bestanden die Grenzen nichtsdestotrotz zunächst nur auf dem Papier. Die nomadische Migration der kirgisischen Familien, die im Winter ihre Lager im russischen Pamir aufschlugen, wurde zuerst noch fortgesetzt. Erst mit der Oktoberrevolution von 1917 sollte sich das ändern. Die kommunistische Führung setzte neue Spielregeln auf und die reichten bis in die Peripherie. In den ersten zehn Jahren der Sowjetunion war es zwar immer noch möglich, die Grenze zu passieren, aber fortan wurde eine Steuer auf die Herden der Nomaden und Nomadinnen erhoben. In letzter Konsequenz wurde die Grenze schließlich komplett dicht gemacht. Der Bewegungsfreiheit und ihrer nomadischen Lebensweise beraubt, beschlossen einige kirgisische Familien sich in den chinesischen Pamir aufzumachen. Die Ausrufung der kommunistischen Volksrepublik China 1949 veranlasste sie aber, wieder in die afghanischen Pamire zurückzukehren.Erheblich dezimiert wurde die kirgisische Bevölkerung schließlich aufgrund der Flucht von rund 1.300 Kirgisen und Kirgisinnen unter der Führung des kirgisischen Khans Rahman Qul. Aus Furcht vor den Folgen einer kommunistischen Machtübernahme brach der Khan samt Anhängerschaft 1978 nach Pakistan auf. Im April des gleichen Jahres brachte die Demokratische Volkspartei Afghanistans (DVPA) Präsident Mohammed Daoud durch den als Saurrevolution bekannten Putsch zu Fall und wollte in Folge in aller Kürze und mit aller Härte den Kommunismus in Afghanistan durchsetzen. Die Sowjetunion, die als Vorbild galt, war selbst überrascht von den Vorgängen. Vor allem hielt die sowjetische Führung Afghanistan für viel zu rückständig und war deswegen nicht an einer Revolution im Land interessiert. Gleichzeitig sah sich Moskau aber aufgrund der Breschnew-Doktrin, die revolutionäre Prozesse für unumkehrbar hält, verpflichtet, die afghanischen Genossen zu unterstützen. In vielen Provinzen formierte sich bald schon Widerstand gegen die kommunistische Regierung, die nur wenige Monate nach der Machtübernahme die Kontrolle über das Land verlor. Mehrere Anschläge auf Hafizullah Amin, den kommunistischen Präsidenten, folgten. Verzweifelt und von Machterhalt getrieben, suchte dieser den Kontakt zu den USA, islamistischen Gruppierungen und Pakistan. Das beendete das ohnehin schon brüchige Verhältnis mit den Sowjets schlagartig. Während ein großer Teil der Welt Weihnachten feierte, leiteten zwischen dem 25.12. und 27.12.1979 die Sowjets ihre militärische Intervention zur Machübernahme in Afghanistan ein. Ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion war die Folge, der Kalte Krieg trat damit in eine neue heiße Phase ein. Der Afghanistan-Krieg, der sich in den 1980ern und 1990ern in innerstaatlichen Konflikten verlor, sollte erst 2001 sein vorläufiges Ende nehmen. Die durch die politischen Konflikte im  19. und 20. Jahrhundert bestimmte Isolation des Wakhan führte zeitweilig dazu, dass der Korridor und seine historische Funktion als Handelsschleuse durch den Pamirknoten völlig in Vergessenheit geriet.

Kirgisische Jurtensiedlung im Großen Pamir, Afghanistan

Ein neues Spiel

Heute ist der afghanische Wakhan-Korridor wieder von politischem Interesse. Ein neues Spiel ist im Gange. Mit neuen Spielern aber: Russland und Großbritannien sind Geschichte, China nun Gegenwart und Zukunft, Pakistan als Verbündeter mit von der Partie und Indien ein neuer Widersacher.
Die Landesgrenzen lassen sich zwar nicht verschieben, aber öffnen. Schon lange hat China ein Auge auf den Wakhan-Korridor als brauchbare Handelsverbindung geworfen. Was einst ein wichtiger Knotenpunkt der historischen Seidenstraße war, soll nun auch im Zuge der Neuen Seidenstraße wiederbelebt werden. Für China stellt der Korridor unter anderem eine geeignete Verbindung zum von China betriebenen Tiefseehafen in der pakistanischen Stadt Gwadar am Arabischen Meer dar. Chinesische Investitionen in Afghanistan gibt es bereits. Dazu zählen das auf 3,4 Milliarden US-Dollar geschätzte Aynak Copper Project südlich von Kabul. Es soll sich dabei um die zweitgrößte Kupfermine weltweit handeln. Die Weichen für eine nahende Öffnung des Wakhans-Korridors sind gestellt. So wurde die Straße auf der chinesischen Seite bis auf 10 Kilometer Entfernung zum afghanischen Grenzübergang ausgebaut. In Sarhad-e Broghil, der östlichsten Siedlung des afghanischen Wakhan-Korridors, wird zudem an einer Straße zum Kleinen Pamir in Richtung China gebaut. 

Eine Reaktivierung des Wakhan-Korridors hätte nicht nur für China sondern auch für Pakistan Vorteile. Der Karakorum-Highway ist nur einen Katzensprung entfernt. Pakistan hätte über den Broghil-Pass Zugang zum Wakhan-Korridor und damit eine geeignete Handelsbrücke nach Zentralasien. China könnte von den Synergieeffekten profitieren. Der China-Pakistan Economic Corridor (CPEC) ist eines der Vorzeigeprojekte der chinesischen Belt and Road Initiative (BRI). Angesichts seines Umfangs – eine Vielzahl an pakistanischen Energie- und Transportwegen werden im Zuge dessen ausgebaut – und seines Werts, der auf 46 Milliarden US-Dollar geschätzt wird, ist CPEC eines der Flaggschiffe der Neuen Seidenstraße. 
Nun könnte der Wakhan-Korridor als weiteres Projekt folgen. Die afghanische Regierung zeigte sich bereits in den letzten Jahren interessiert. So besuchte 2014 der afghanische Präsident Ashraf Ghani den chinesischen Präsidenten Xi und machte bei diesem Treffen einmal mehr klar, dass er eine Öffnung der chinesischen Grenze begrüßen würde. China ist an einem Zugang zum Kaspischen Meer interessiert und Öl- und Gaspipeline-Projekte würden folgen. Gleichzeitig könnte der afghanische Absatzmarkt für chinesische Energieprodukte erschlossen werden. Samt des CPEC-Projektes auf der pakistanischen Seite entstünde in dieser Gebirgsregion ein grenzübergreifender Knotenpunkt für Energietransporte.
Der Wakhan-Korridor als erneuter Handelsumschlagsplatz würde das Leben der Bevölkerung wohl drastisch modernisieren. Ein Ausbau der Infrastruktur würde die Region aus der Isolation befreien. Mit allen damit verbundenen Konsequenzen versteht sich. Denn wohlgemerkt gibt es Gründe, warum China bis dato immer noch zögert, den Wakhjir-Pass nach Afghanistan zu öffnen. Die offene Grenze und ein verstärktes Interesse an der Region könnten auch unliebsame Nebenwirkungen nach sich ziehen. Es ist durchaus denkbar, dass die Isolation und Bedeutungslosigkeit, zu welcher der Wakhan-Korridor über viele Jahrzehnte verdammt war, auch ein Glück für die ansässige Bevölkerung darstellte. Die Gegend stand für islamistische Kräfte im Land nicht im Fokus ihrer Offensiven. Das könnte sich bei Umsetzung der Investitionsvorhaben aber umgehend ändern. Es ist zu befürchten, dass Taliban und IS im Zuge der Öffnung vermehrtes Interesse für die Region zeigen. Eine offene Grenze könnte zudem die Tore für Drogen- und Menschenschmuggel öffnen.

Berührungspunkte mit der Taliban, die sich im ganzen Land auf dem Vormarsch befindet, gibt es bereits. Nur rund 30 Autominuten von Ishkashim entfernt, trifft man auf die ersten Taliban-Checkpoints. Erst ab Faizabad bis nach Kabul gilt die Straße wieder als sicher. Was heißt, dass sich das Gebiet nicht unter Taliban-Kontrolle befindet, aber Überfälle nicht ausschließt. Gerade die jungen Ismailiten und Ismailitinnen, die in Kabul studieren, müssen regelmäßig Taliban-Gebiet passieren, um in die Hauptstadt zu gelangen. 
Auch Ahmed, der IT in Kabul studiert, zählt zu ihnen. Im Gespräch mit Taliban-Kämpfern muss er darauf achten, nicht den Eindruck zu erwecken, die afghanische Regierung in irgendeiner Form zu unterstützen, geschweige denn für sie zu arbeiten. Das alleine würde sein Todesurteil fällen. Trotzdem betont Ahmed, dass er auf seinen Reisen nach Kabul ausschließlich mit usbekischen, tadschikischen und chinesischen Taliban-Einheiten zu tun hätte, die gegenüber den pashtunischen Einheiten den Ruf haben, weniger brutal vorzugehen. 
Ende April 2017 rückten die Taliban bereits gefährlich nah an Ishkashim und den Wakhan-Korridor heran. Zebak, der südlich von Ishkashim gelegene Distrikt, wurde eingenommen. Auch eine Gruppe von IS-Kämpfern soll parallel zu der Taliban-Offensive vor Ort gekämpft haben. Durch die über die Landesgrenze hinaus vernehmbaren Kämpfe beunruhigt, ließ Tadschikistan Anfang Mai alle NGOs entlang der afghanischen Grenze evakuieren. Letztlich konnte ein afghanischer Militäreinsatz aber doch die Machtübernahme der Taliban verhindern und verkündete am 11.Mai, die Kontrolle über den Distrikt Zebak zurückerlangt zu haben. Die ismailitische Bevölkerung im Wakhan-Korridor erzählt sich, dass ihr religiöser Führer Aga Khan seinen Teil dazu beigetragen habe, indem er zum afghanischen Präsidenten Ashraf Ghani geflogen sei und seine finanzielle Unterstützung für den Militäreinsatz zugesagt haben solle. 
Von der Bedrohung, die von Taliban und IS ausgehen, abgesehen, kommt auch Indien eine Schlüsselrolle in diesem neuen Spiel um Macht zu. Bekanntlich ist der Ton gegenüber China unter dem Hindunationalisten Modi besonders barsch und die Befürchtung, dass Indien terroristische Einheiten unterstützen könnte, um Chinas Pläne zu vereiteln, ist nicht von der Hand zu weisen. Der indische Geheimdienst RAW ist äußerst aktiv in Afghanistan und versucht, China bei der afghanischen Bevölkerung zu diskreditieren. Auch die Reaktivierung des indischen Flugstützpunktes Farkhar in Tadschikistan dient wohl zur Beobachtung der Erzfeinde China und Pakistan.

Die Zukunft des afghanischen Wakhan-Korridors ist ungewiss. Am Ende ist seine Öffnung, von der sich die Bevölkerung bessere Lebensbedingungen verspricht, noch sein Fall. Eines steht aber fest. Was auch passiert, es wird wieder nicht die Entscheidung der hier lebenden Menschen sein. Abermals wird, wie schon zu Zeiten des Great Game, politisches Kalkül mit allen damit verbundenen Konsequenzen das Leben der ansässigen Bevölkerung bestimmen.


Wakhan-Korridor, Tadschikistan, Afghanistan

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